Autor: julia

  • World Meteorological Organization: 2025 so hoch, so warm, so sauer wie nie

    World Meteorological Organization: 2025 so hoch, so warm, so sauer wie nie

    Der Bericht „State of the Global Climate 2025“ der WMO* fasst die aktuellen Entwicklungen verschiedener Klimasysteme übersichtlich zusammen. Es gibt weiterhin Rekorde, keine guten:

    • Das Energieungleichgewicht der Erde ist so hoch wie nie zuvor.
    • Die letzten elf Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen, und das Jahr 2025 gehörte weltweit zu den drei wärmsten Jahren.
    • Die Ozeane sind wärmer und saurer als je zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen.
    • Klimaextreme stellen ein wachsendes Risiko für Menschenleben, die Ernährungssicherheit, die Gesundheit und die Wirtschaft dar.

    Was heißt „Energieungleichgewicht“?

    Das Konzept des „Energieungleichgewichts der Erde“ (Earth Energy Imbalance EEI) macht die anhaltende, fatale Entwicklung deutlich: Eigentlich sollte die Energie, die durch die Sonneneinstrahlung in das „System Erde“ hineingeht, mit der Energie, die durch die Wärmeabstrahlung rausgeht, in einem Gleichgewicht sein. Ist sie aber nicht, weil immer mehr Energie reingeht als rausgeht, weil die Treibhausgase die Abstrahlung einschränken. Deshalb heizt sich die Erde auf.

    Wir haben dazu vor allem die mittlerweile um etwa 1,5 Grad gestiegene mittlere globale Temperatur nahe der Erdoberfläche als wichtigste Mess- und Orientierungsgröße genutzt. Zu dieser für uns am direktesten spürbaren Erhitzung trägt aber letztlich nur ein Prozent der Energy Imbalance bei! Weitere drei Prozent lassen Gletscher schmelzen, etwa fünf erhitzen die Landmassen.

    Wo bleibt dann der gigantische Rest der zusätzlichen Energie? Tatsächlich werden 91 Prozent in den Meeren gespeichert. Der Wärmegehalt der Ozeane, so der WMO-Bericht, erreichte auch 2025 wieder einen neuen Rekordwert.

    „Die Erwärmung der Ozeane hat weitreichende Folgen, wie zum Beispiel die Schädigung mariner Ökosysteme, den Verlust der Artenvielfalt und die Verringerung der Kohlenstoffsenke der Ozeane. Sie verstärkt tropische und subtropische Stürme und verschärft den fortschreitenden Rückgang des Meereises in den Polarregionen. Die Erwärmung der Ozeane trägt zusammen mit dem Eisverlust an Land zum Anstieg des Meeresspiegels bei.“

    Die Temperaturveränderungen der Ozeane sind weit über dieses Jahrhundert hinaus unumkehrbar.

    *World Meteorological Organization (WMO). State of the Global Climate 2025.
    (WMO-No. 1342). Geneva, 2026. ISBN: 978-92-63-11299-7.
    https://library.wmo.int/viewer/69807/download? (Zitat: Seite 11)

  • Katastrophenschutz-Bundesamt: bereit sein für Zusammenbrüche

    Katastrophenschutz-Bundesamt: bereit sein für Zusammenbrüche

    Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ist mit seiner neuen Broschüre „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ (Nov. 2025) durchaus auf Augenhöhe mit kollapsbewegten Menschen. Die Broschüre steht auf der Seite des BKK kostenlos zum downloaden oder bestellen bereit. Sie enthält Checklisten und Tipps zur Notfall-Bevorratung.

    Zur Begrüßung heißt es auf der ersten der 38 Seiten:

    „Extreme Wetterereignisse nehmen zu. Durch Cyberattacken, Desinformation oder Sabotage finden Angriffe auf Infrastrukturen, Meinungsbildung und Zusammenhalt statt. Selbst ein Krieg scheint nicht mehr so ausgeschlossen zu sein wie noch vor einigen Jahren. Wenn etwas passiert, ist es besser, vorbereitet zu sein.

    So hilft Ihnen Vorbereitung in einer extremen Situation:
    Sie wissen, was zu tun ist, und können dadurch ruhiger bleiben.
    Sie können sich und andere versorgen, bis Hilfe eintrifft.
    Sie entlasten Rettungskräfte. Die können dann Menschen unterstützen,die sich nicht selbst helfen können.“


    Inhalt:

    • Vorbereitung zahlt sich aus
    • Wenn der Alltag unterbrochen wird
    • Essen und Trinken bevorraten
    • Vorsorge für Menschen mit Beeinträchtigungen
    • Warnungen erhalten und verstehen
    • In der Krise informiert sein
    • Vertrauenswürdige Informationen erkennen
    • Mit Ängsten und Sorgen umgehen
    • Mit Kindern über Krisen sprechen
    • Medizinische Notfälle selbst behandeln
    • Ohne Strom kochen
    • Wenn die Heizung ausfällt
    • Reagieren, wenn es brennt
    • Dokumente sicher aufbewahren
    • Notgepäck griffbereit haben
    • Schutz suchen
    • Schutz vor Explosionen
    • Checkliste
    • Wichtige Rufnummern

  • Geheimdienstchefs in UK: Absehbarer Kollaps der Biodiversität gefährdet Sicherheit

    Im Januar 2026 zitiert der britische Guardian aus einem 14-seitigen Bericht, der eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht war.

    Darin warnen die Chefs der staatlichen Geheimdienste, dass der weltweite Angriff auf die Natur die nationale Sicherheit Großbritanniens gefährde, da der immer wahrscheinlicher werdende Zusammenbruch lebenswichtiger natürlicher Systeme Massenmigration, Nahrungsmittelknappheit, Preisanstiege und globale Unruhen nach sich ziehen würde.

    Einige lebenswichtige Ökosysteme könnten innerhalb von fünf Jahren zusammenbrechen.

    zum Artikel: https://www.theguardian.com/environment/2026/jan/20/biodiversity-collapse-threatens-uk-security-intelligence-chiefs-warn

  • Anthropic: unsere KI nicht für Massenüberwachung und vollautonome Waffen. OpenAI: kein Problem

    Der Streit zwischen US-Verteidigungsminister Hegseth und dem KI-Unternehmen Anthropic hatte nach der Entführung von Venezuelas Präsidenten Maduro Anfang Januar 2026 begonnen, weil dort Anthropics KI Claude zum Einsatz gekommen sein soll. Anthropic widersprach der Nutzung, denn das Unternehmen untersagt den Einsatz seiner Modelle für Massenüberwachung und der Entwicklung vollautonomer Waffensysteme.

    Dennoch soll Claude auch im Februar 2026 bei den Angriffen auf Iran wieder eingesetzt worden sein. Das Pentagon akzeptiert die Nutzungsbeschränkung von Anthropic nicht, Anthropic klagt dagegen, das Pentagon wiederum stuft Anthropic zur Strafe als erstes US-Unternehmen überhaupt als „Lieferkettenrisiko“ ein und ist dabei, es in seinen militärischen Systemen zu entfernen und durch OpenAI (ChatGPT) zu ersetzen. Open AI hatte sich den Bedingungen des Pentagon gebeugt.

    Damit ist Massenüberwachung und autonomes Töten mit KI fürs Pentagon vorerst weiter möglich.

    Quellen: Bayrischer Rundfunk Netzwelt vom 26. Februar und 18. März 2026 / Der KI-Podcast:

    https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/ki-waffen-trump-regierung-greift-nach-anthropic,VCFaCxM

    https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/ki-im-krieg-ein-us-unternehmen-stellt-sich-gegen-trump,VEE5gTN

    https://www.ardsounds.de/sendung/der-ki-podcast/urn:ard:show:65505255c703e51e

  • Chemie-Professor nach Klima-Vortrag: Verlieren Sie nicht Ihre Menschlichkeit

    In neun Minuten von CO2-Emissionen über Hoffnung / keine Hoffnung zur zentralen Frage im Kollaps kommen: Das schafft Sebastian Seiffert in dieser (etwas wild) geschnittenen und trotzdem eindrücklichen Fassung der Vorlesung „Was ist Klimaschutz, und was bleibt davon“ im Herbst 2024 in Mainz. Auch Meteorologe Özden Terli kommt zu Wort.

    Beide gehören zu den wenigen sichtbaren Naturwissenschaftler*innen, die ihre Arbeit und ihren Bezug zu Klimaschutz immer wieder an der Realität ausrichten und sich trauen, diese Ehrlichkeit unter anderem auf Social Media von anderen Wissenschaftler*innen und Multiplikator*innen einzufordern.

    Sebastian Seiffert ist auch Teil der Kinodokumentation „Das Gewicht der Welt“, die Im Mai 2026 anläuft; in Hannover läuft sie im Raschplatzkino. Sie begleitet drei Naturwissenschaftler*innen auf dem schwierigen Weg, ihre Forschung, ihr Wissen über den Zustand der Welt und ihr persönliches Handeln in Einklang zu bringen.

    Seiffert zu Beginn des Trailers mit einem anschaulichen Zitat der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim: „Wissenschaft sagt euch nicht, ob ihr an Klobrillen lecken sollt oder nicht, sie sagt euch nur, was ihr da alles aufleckt.“

  • Bücher

    Bücher

    Stand: März 2026 – Sachbücher, Kollaps-„Workouts“ und Romane, die ich sehr hilfreich fand, unter anderem mit indigenen, historischen und politikwissenschaftlich/aktivistischen Perspektiven. Nach Erscheinungsdatum sortiert und jeweils mit Zitat. Bestellen am besten bei der Buchhandlung um die Ecke.


    Luke Kemp: Goliath’s Curse (2025)

    The History and Future of Societal Collapse

    S. 273:. „Some colonized countries did not collapse, but nonetheless experienced terrible hardship. [….] Perhaps because of cases like India, colonization is often strangely absent from most discussions of societal collapse. Apart from the few cases where an empire quickly unravelled – such as the Aztec and Incan – it is conspicuously missing in most coverage. That is because colonization perversely boosted economic growth and urbanization, even while it ate away the culture, simplified the economy, and murdered millions. Colonization wasn’t just a matter of collapse and genocide; it also marked the global triumph of Goliath.“


    Vanessa Machado de Oliveira: Outgrowing Modernity (2025)

    Navigating Complexity, Complicity, and Collapse with Accountability and Compassion

    S. 40: „[It] is not a matter of belief or hope but a matter of faith – which, in this context, is trust in what is unknowable. Thus, we have been taught to trust in the possibility (however tiny it might be) that humanity can (at some level or dimension) heal from the dis-ease of separation. We have also been advised to be fiercely gentle and infinitely patient and to develop a strong sense of humor (especially for laughing at ourselves) because the journey of healing will invariably involve the medicines of shadows, sorrows, contradictions, and the absurd.“


    Luise Meier: Hyphen (Roman, 2024)

    S. 9, Bericht der Protokollant*innen: „Der Großteil unserer Nachbar*innen beschreibt sich trotz aller Entbehrungen und traumatischen Erfahrungen, besonders in den ersten Monaten und Jahren, heute als zufriedener als vor 2025. Dafür gibt es verschiedene Gründe, der am häufigsten angegebene ist allerdings die enge Kooperation in der Gemeinschaft und die ganz eindeutig damit verbundene Zunahme von Selbstwirksamkeit oder »Sinn« sowie die Abnahme von Erfahrungen der Konkurrenz und Isolation.“


    Tadzio Müller: Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps (2024)

    Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben

    S. 242: „Die zentrale Zukunftsfrage ist dementsprechend nicht mehr „Können wir den Klimakollaps noch verhindern?“, since we can’t. Aber wir können noch dafür sorgen, dass die Netzwerke, die sich bilden werden, um alltägliche Notwendigkeiten zu organisieren, nach solidarischen Prinzipien organisiert sind, anstatt nach, sagen wir mal, national-patriotischen. Weil Nazis immer scheiße sind. Auch und vor allem im Kollaps.“


    Kim Stanley Robinson: The Ministry for the Future (Roman, 2020; auf deutsch 2021)

    S. 7: „Following the great Indian heat wave, the emergency meeting of the Paris Agreement signatories was fraught indeed. The Indian delegation arrived in force, and their leader Chandra Mukajee was excoriating in her denunciation of the international community and its almost complete failure to adhere to the terms of the agreement that every nation on Earth had signed. Reductions in emissions ignored, payment into investment funds that were to be spent on decarbonization not paid—in every way the Agreement had been ignored and abrogated. A performance without substance, a joke, a lie. And now India had paid the price. More people had died in this heat wave than in the entirety of the First World War, and all in a single week and in a single region of the world.“


    Pablo Servigne, Raphael Stevens: Wie alles zusammenbrechen kann (2015 im Original, auf deutsch 2022)

    Handbuch der Kollapsologie

    S. 38: „Zwischen uns und nahen Freund*innen, die ihre Vorstellungswelt vom Weitermachen und linearen Fortschritt beibehalten und unter allen Umständen verteidigen wollten, tat sich ein Abgrund auf.

    Im Laufe der Jahre entfernten wir uns deutlich von dieser festgelegten Doktrin, nach welcher die öffentliche Meinung aus den weltpolitischen Nachrichten einen Sinn destillieren will. Machen Sie selbst die Probe: Hören Sie nun selbst die Sie erreichenden Informationen aus der Perspektive des Zusammenbruchs, und Sie werden sehen, das hat nichts mehr mit dem zu tun, was Sie bisher kannten!

    Es ist nun mehr denn je zu einem fremdartigen Gefühl geworden, dieser Welt anzugehören, aber gleichzeitig von dem vorherrschenden Bild getrennt zu sein, das sich die anderen noch immer von ihr machen.


  • Hannover im Kollaps oder: Lernen von Occupy Sandy?

    📅 Donnerstag, 12.03. 19 Uhr
    📍 ruine hq (Selmastraße 4, Linden Nord)
    🤝 ruine hq & Kollapsvernetzung Hannover


    Wenn Verhältnisse kippen, ob aus politischen, Klima- oder sonstigen Gründen, trifft das auch Hannover. Aber wie? Was funktioniert dann nicht mehr, was gibt es nicht mehr, welche Menschen sind am stärksten gefährdet? Und die wichtigste Frage: Können wir jetzt schon (oder: noch?) dafür sorgen, ein solches Zusammenbrechen „besser“ oder „gerechter“ zu machen?

    Wir starten den Abend mit einem kurzen Input zu Occupy Sandy, um vor Augen zu haben, was möglich ist, wenn Menschen auf massive plötzliche Zerstörung vorbereitet sind. Wenn sie organisiert, gut vernetzt und bereit sind.

    Im Anschluss stellt sich Kollapsvernetzung Hannover vor – initiiert von Menschen mit Klimagerechtigkeits- oder Kulturhintergrund, die jetzt, da sich die Welt zweifelsfrei auf (Klima-)Kollapskurs befindet, weiter für Gerechtigkeit, Solidarität und Menschenrechte aktiv sind, sich aber der im öffentlichen Diskurs verdrängten Realität stellen: Was wir haben, wie wir leben, wird so nicht bleiben. Aber wie es wird, wenn etwa Infrastruktur und „Normalität“ zusammenbrechen, hängt davon ab, ob wir uns jetzt organisieren, vernetzen und kümmern.

    Im Austausch mit euch heißt die Frage: Wie und wo fangen wir an?

    Dies ist die erste Impulsveranstaltung im Rahmen von sofvo und der erste öffentliche Aufschlag der Kollapsvernetzung Hannover, weitere in Planung.

  • Derealisation oder: schneller inkompatibel werden

    Derealisation oder: schneller inkompatibel werden

    Dieser Text entsteht im Mai 2024. Die Ausgangsfrage ist einfach, eigentlich: Wie geht’s denn so, JETZT, als Aktivistin in Hannover, zuletzt in der Leinemasch, in der dann trotzdem gerodet wurde. Aber nichts ist einfach, nichts ist einfach zu vermitteln. Aber es gibt einen Start:

    Es ist der 6. Mai 2024. Ich bin vormittags mit einem Menschen in der Leinemasch verabredet. Wir haben hier, wie so viele andere, ungesund viel Energie und Zeit im Kampf gegen das irre Weiter-so gelassen. Im Januar wurde trotzdem für die Verbreiterung des Südschnellwegs gerodet, gerade entsteht eine Baueinrichtungsfläche. Arbeiter*innen kampfmittelsondieren den für Tümpeltown namensgebenden Teich und pumpen ihn offenbar leer.

    Wir sitzen im Baueinrichtungs-Naherholungsgebiet. Es blüht, es riecht nach Frühling. Der Mensch sagt einen Satz: Wir sind inkompatibel. Er meint nicht uns, sondern uns in der Welt.

    Zu Hause, anschließend, kämpft mein Kind mit der Entscheidung, nach dem Sommer eigene Wege zu gehen oder die Oberstufe „durchzuziehen“, weil sich dann nach drei Jahren alle Zukunftsoptionen vor den Abiturient*innen erstrecken. Letzteres: ein mächtiges, ungebrochenes Schulnarrativ. Das Narrativ einer Welt, in der trotz allem alles irgendwie so weitergeht.

    Später auf dem Weg zur Stadtbahn fühlt sich alles eine Spur verrutscht an. Als wäre die vertraute Straße heute Kulisse, irgendwie anders beleuchtet, alle Bewegungen etwas verlangsamt, entkoppelt. Das ist nicht schlimm oder übermäßig beängstigend. Die Welt zerfällt einfach in Kulisse und mich.

    Es gibt dafür sogar einen Fachbegriff: „Derealisation“1. Was für ein Wort. Jenseits von Diagnosekatalogen transportiert es ein Grundgefühl: diesen Zustand, wie festgefroren einfach dazustehen und zu beobachten, wie das, was wir2 the world as we know it, was wir „Zivilisation“ oder „Zukunft“ nennen, in Zeitlupe von der Weiche springt, während wir auf eine „Sommermärchen-EM“ hoffen, während Billie Eilishs neues Album ungeduldig erwartet wird und während um Notendurchschnitte gerungen wird.

    Dieses Gefühl war noch nie so überwältigend wie jetzt – aber wirklich neu ist es nicht. In meiner Erinnerung sind da diese Bilder aus Großbritannien, die ab Ende der 1980er Jahre die „mad cow disease“ (BSE) in die Tagesschau spülte, verrenkte Kühe wie von Sinnen, gigantische Rinder-Scheiterhaufen. Wirklich de-real dann das Danach: Zu verstehen und die Logik vor Augen zu haben, wie „Fleisch produzieren“ geht und deshalb aufzuhören Tiere zu essen, aber der Normalität gehäckselter rosa Tierhaufen als günstiges „Angebot“ nicht mal in Zeitungsbeilagen entkommen zu können.

    Auch damals schon: Sprachlosigkeit. Weil es unmöglich ist, sich ernsthaft zu erklären, weil das bedeuten würde, Familie, Freund*innen, Fremde immer wieder beim Essen mit dem unerträglichen Grauen und Leid und auch ihrer Mittäter*inschaft zu konfrontieren. Und ungewollt steht da immer was mit Moral im Raum: „ich gut, du schlecht“. Auch in eigener Sache ist es unerträglich, sich bei jeder Frikadelle und jeder Scheibe Wurst auf anderer Menschen Teller selbst wieder bewusst zu machen, für welche Geschichte dieses Essen wirklich steht, angefangen beim gequälten Tier im verdreckten Stall und den Arbeitsbedingungen im Schlachthof bis hin zu all den Markt- und Lobby-Verstrickungen.

    Das war Derealisation und Sprachlosigkeit Anfang der 1990er. Status: etwas mehr als 350 ppm – 350 CO2-Moleküle pro eine Million Moleküle in der Atmosphäre ist ein sicherer Wert. Es wäre so vieles noch möglich gewesen.

    Ist das etwa ein Appell, vegan zu werden? Nein, oder? Oder doch? Was hat das mit dem Thema zu tun?

    Derealisation Mai 2024, 426 ppm3, weiter steigend, ein Desaster. Zusehen, wie die 1,5 Grad erreicht sind, wie die world as we know it von der Weiche springt, während das „Standard-Essen“ in der Schulmensa, im Altenheim, im Krankenhaus immer noch das Essen mit Fleisch ist; während Rodungen, Flächenverbrauch, Artensterben, Treibhausgase, Antibiotikaresistenzen, Wasserverbrauch, Grundwasserprobleme4 wegen einer ungesunden Ernährungsform massiv dazu beitragen, planetare Grenzen5 zu überschreiten. Und während ein Mensch am Tisch spöttisch fragt: „Und macht das jetzt irgendeinen Unterschied, ob du das hier isst oder nicht?“

    Es wäre so unglaublich einfach gewesen, diesen Anteil an der Katastrophe – nicht-pflanzliche Ernährung – zu transformieren. Anders als bei Energie, Verkehr oder Industrie hätte es keine neue Infrastruktur gebraucht. Wir hätten einfach aufhören können.

    Müsste hier denn nicht irgendwo auch stehen, dass sich total viel schon verbessert hat? Wie viel tolle vegane Döner es mittlerweile gibt? Ja? Nein?

    Worum geht es denn jetzt eigentlich? Um Fleisch!? Oder um die Klimaziele? Um die Ideen vermummter Aktivist*innen in Baumhäusern, um die gerodeten Bäume, um das Naherholungsgebiet, um zu viel Verkehr?

    Es geht um alles. Um das Unvereinbare, das Unsagbare. Menschen tauschen Worte aus, ohne zu verstehen, dass diese Worte Bedeutungen haben, die zu unterschiedlichen Universen gehören. Schon eine „Bratwurst“ – für den einen nur lecker, für die andere ein Schmerz auf unendlich vielen Ebenen.

    Worum es jetzt geht, ist so groß, so unerträglich, dass ich immer wiede stille Momente und auch die Fakten vor mir brauche, um wirklich bei dem anzukommen, was ich weiß. Welcher Satz kann das transportieren? Das Unausweichliche, die Schuld denen gegenüber, die durch Hitze sterben, auf der Flucht ertrinken, verhungern, flüchten, Todesangst haben. Die Wut denen genüber, die bis zuletzt ihre Geschäfte machen.6 Die Trauer um alles, was mal lebendig und was gewesen sein wird.

    Sie fühle sich „hopeless and broken“, hat Ruth Cerezo-Mota aus Mexiko gesagt, der Guardian hat sie am 8. Mai in einer langen Geschichte zitiert, sie ist eine von 380 befragten Top-Klimawissenschaftler*innen aus aller Welt.7

    Danebenstehen und das Klima erforschen, ein Leben lang; modellieren, wie die world as we know it von der Weiche springt, in jedem IPCC Bericht Tausende Seiten Analyse, Lösungen, Appelle schreiben, dazu ein Summary for Policymakers8, das Policymakers nicht lesen. Policymakers planen stattdessen neue LNG Terminals, sichern sich dafür in der Welt Fracking Gas, das in Deutschland verboten ist, und bauen beheizte Rohöl-Pipelines quer durch Afrika.9 Weil sie nicht rauskommen aus der Zerstörungsmaschine. Hopeless and broken. Derealisiert.

    Hoffnungslos. Das Klima, das Wetter, das Leben auf der Erde wird bis auf weiteres jedes Jahr noch schlimmer werden, mindestens so lange, bis keine weiteren Treibhausgase mehr in die Atmosphäre gehen.10 Also frühestens wenn keine – also keine – fossile Verbrennung mehr stattfindet und zusätzlich etwa Moore vernässt und sehr viel weniger Tiere gegessen werden11, könnte es auf dem dann erreichten Niveau von „katastrophal“ bleiben – sofern bis dahin noch nichts gekippt ist. Also womöglich in einigen Jahrzehnten. Ist das realistisch?

    Weidel (AfD) kämpft für Schnitzel, Merz (CDU) kämpft für deutsche Verbrenner, Lindner und Wissing (FDP) kämpfen für das Recht auf Gasheizung und tempolimitfreie Fahrt auf neuen Autobahnen. Gemeinsam kämpfen sie angeblich für das Recht des kleinen (deutschen) Mannes, dass alles so bleibt wie immer. Vereint im neokolonialen Anti-Klimaschutz-Anti-Zukunft-Märchenerzählen-Populismus.

    Und in Niedersachsen kämpft Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) nach dem Süd- jetzt auch am Westschnellweg weiter für die Tradition, Straßen für mehr Verkehr breiter zu planen. Der Verkehr, findet er, ist nun mal da. Er glaubt, dass die Klimaziele (Niedersachsen klimaneutral ab 2040) allein mit E-Mobilität erreicht werden können. Was sind schon Fakten. 12

    Der populistische Weg ist verlockend, auch bei der Schuldfrage. Wenn alles – siehe oben – immer schlimmer wird, liegt es dann eben an Migrant*innen und sogenannten Bügergeldschmarotzer*innen und dem ganzen linksgrünwoken Protest-Siff, die alle zusammen abgeschoben, gemaßregelt und kriminalisiert werden müssen. Damit alles so weitergehen kann mit Lobby-Verstrickungen, Superreichen und einem alles verschlingenden Kapitalismus, der unverdrossen mit Wachstums-Rufen angefeuert wird.

    Ich stehe da und verstehe, dass die 1,5 Grad durch sind; der Juni kommt, aber ich werde nie wieder mit ungetrübter Erwartung auf Sommer, Ferien, laue Abende, Tage am See blicken. Sondern mit Sorge und Unruhe. Bringt er noch mehr Hitze? Mehr Brände? Mehr Fluten? Tausende Tote oder Millionen Tote? Werden die Nächte auch in Hannover viel zu heiß? Ich sehe, dass Menschen in Indien und Pakistan nie dagewesene Hitze erleiden13, was viele Medien gar nicht mehr auf die Agenda nehmen, weil sich alles in der Aufmerksamkeits-Ökonomie abnutzt: auch immer neue Temperaturrekorde, auch immer mehr Menschen, die tödlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Ich sehe Skandale der „Klimaschmutzlobby“, die nicht zum Skandal werden, weil es dafür keinen öffentlichen Raum mehr gibt, weil wir alle vom Algorithmus maßgeschneidert bespielt werden und auch längst keine Kriegs- und Krisen-Kapazitäten mehr haben. Empathie ist aus.

    Die Welt wie wir sie kannten ist von der Weiche gesprungen.

    Jetzt ist da nur noch eine Welt, die als Lebensort für Menschen stirbt.

    ***

    Noch stehen die alten Kulissen. Von Rentenbescheid bis Autobahnbau, von Bärchenwurst bis Wirtschaftswachstum-Wahlslogan, von Karriereplan bis Einkaufszettel.

    Nur eine Idee: Derealisation für alle. Mehr Mut, inkompatibel mit der Show zu werden, in der weiter die Bilder einer Welt wie wir sie kannten laufen; stattdessen so lange auf die Bühne zu starren, bis die Kulissen flirren und verschwinden. Noch mehr Mut, um die Welt, die stirbt, sehen und aushalten zu können – und Abschied zu nehmen. Mut und Phantasie, um herauszufinden, was jetzt zu tun ist, für jede*n einzelne*n, um das Sterben so gut es geht zu gestalten, solidarisch und gerecht.

    Wenn wir viele sind, hören wir auf, inkompatibel und sprachlos in der Welt zu sein. Wenn wir viele sind, könnten wir mit dem Weiter-so der Horror-„Normalität“ brechen und eine eigene Geschichte erzählen, die gehört wird – und sie nicht den Populisten und Faschisten überlassen.

    Nein, das ist kein Happy End, Happy End ist jetzt nicht mehr im Angebot.


    Was von 2021 bis 2024 in der Leinemasch los war, erzählt und zeigt unser Buch „Leinemasch BLEIBT. Eine Geschichte vom Weiter-so, vom Widerstand und von zwei Kilometern Bundesstraße in Hannover“ im oekom Verlag 2024; auch open access.

    Quellen und Erläuterungen

    1ACHTUNG: Die Analogien in diesem Text zitieren aus der verlinkten Beschreibung zur „Derealisation“, beziehen sich aber explizit nicht auf reale Erkrankungen oder medizinische Diagnostik! Bitte holt euch ärztlichen Rat, wenn ihr den Eindruck bekommt, dass ihr von dieser Diagnose im medizinischen Sinne betroffen seid.

    2Mit „wir“ fasse ich hier Menschen in Deutschland zusammen, die ausreichend privilegiert sind, um sich als Teil einer durch allgemeine Medien geschaffenen Öffentlichkeit verstehen zu können.

    3täglich aktualisierte Werte unter https://www.co2.earth/daily-co2

    4https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/fleisch/der-appetit-auf-fleisch-und-seine-folgen/

    5https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/planetare-grenzen

    6Millionenschwere Klimaschutzprojekte von Mineralölkonzernen in China existieren offenbar nur auf dem Papier:https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/unternehmen/shell-rosneft-omv-betrug-verdacht-klimaschutz-100.html

    7https://www.theguardian.com/environment/ng-interactive/2024/may/08/hopeless-and-broken-why-the-worlds-top-climate-scientists-are-in-despair

    8https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/summary-for-policymakers/

    9https://eacop.com/ und Kritik etwa von Amnesty https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/uganda-tansania-repression-protest-gegen-pipeline-oel-und-schlaege

    10Was passiert, wenn die CO₂-Emissionen aufhören? https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-erderwaermung-co2-netto-null-emissionen-forscher-berechnungen-1.6303583

    11Studie zu den Voraussetzungen und Möglichkeiten, in Deutschland bis 2045 klimaneutral zu werden https://ariadneprojekt.de/publikation/energiewende-auf-netto-null-passen-angebot-und-nachfrage-nach-co2-entnahme-aus-der-atmosphaere-zusammen/

    12„Die Klimaschutzziele lassen sich bei Weitem nicht allein durch einen Anstieg der Zulassung batterieelektrischer Fahrzeuge erreichen.“ (S. 19) https://www.fgsv-verlag.de/e-klima-2022 und https://fridaysforfuture.de/studie/schluesselergebnisse/

    13Extremhitze in Indien – 33 Wahlhelfer sterben an Hitzeschlag, https://www.t-online.de/klima/leben-umwelt/id_100418474/klimawandel-33-wahlhelfer-in-indien-sterben-an-hitzeschlag.html