Schlagwort: PERSPEKTIVEN

  • Filme und Serien

    Filme und Serien

    Filme und Serien, die auf eine ernsthafte Weise Zusammenbruch und Kollaps thematisieren, sind kein easy Entertainment, sind nicht lukrativ und daher eher selten. Aber es gibt sie. Hier einige Trailer. Ob und wo die Filme und Serien zu streamen sind, ändert sich. Wenn gefunden: Am besten nicht allein angucken.


    Families like ours (2024)

    Die dänische Regierung erklärt: Da Dänemark keine Chance gegen den steigenden Wasserspiegel hat, wird das Land aufgegeben; es gibt einen Plan für die Evakuierung der Bevölkerung, der direkt umgesetzt wird. Bei der dänischen TV-Drama-Miniserie von 2024 ist Thomas Vinterberg Co-Autor und Regisseur. Die sieben Episoden waren einige Zeit auch auf deutsch in der ARD Mediathek abrufbar.


    2073 (2024)

    Autor und Regisseur Asif Kapadia dokumentiert und denkt Autoritarismus, Überwachungskapitalismus, ökologischen Zusammenbruch und unregulierte KI-Macht in seinem Film mit den Mitteln der Fiktion einfach weiter – knapp 50 Jahre bis in ein dystopisches Jahr 2073. Die Erfahrungen von Investigativ-Journalistinnen machen sichtbar, wie viel Dystopie in vielen Teilen der Welt bereits im Status Quo enthalten ist.


    L’Effondrement / The Collapse (2019)

    Schon 2019 ist die aufwändige französische Mini-Serie L’Effondrement entstanden. Es geht in den acht kurzen Episoden nicht um die möglichen Ursachen des Zusammenbruchs, sondern darum, wie Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten „danach“ in eskalierenden Situationen und Umständen reagieren und agieren.

  • Bücher

    Bücher

    Sachbücher, Kollaps-„Workouts“ und Romane, die für mich wichtig, inspirierend, spannend oder alles gleichzeitig sind; unter anderem mit indigenen, historischen und politikwissenschaftlich / aktivistischen Perspektiven. Nach Erscheinungsdatum sortiert. Kaufen am besten bei der Buchhandlung um die Ecke oder ausleihen in der nächsten Bibliothek. 🙂 Stand: Oktober 2026


    Sarah Wilson: i eat the stars (2026)

    how to live fully and beautifully in a collapsing world

    S. 195, Kapitel „pain“: „The problem is that our current models for dealing with loss and grief (such as the standard „five stages“ approach) are largely linear and work best when a death is conclusive. But when we are neither here nor there and the time of death is, well, becoming, I’m not sure there is such a fix. [Social Scientist Pauline] Boss doesn’t profess to resolve the paradox either. Instead, she offers ways to bear it, mostly based on finding meaning in staying in the paradox and the pain.“

    S. 213, Kapitel „oh, and we can dance!“: „When we dance it is said we are processing despair, grief, shame, terror, fear at a biological level. It enables us to stay with the pain, to express it, to bear it, and in such a way that it can then pass through us. Dance, you might say, is a despair composter.“

    Reinlesen: https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1076883753


    Luke Kemp: Goliath’s Curse (2025)

    The History and Future of Societal Collapse

    S. 273:. „Some colonized countries did not collapse, but nonetheless experienced terrible hardship. [….] Perhaps because of cases like India, colonization is often strangely absent from most discussions of societal collapse. Apart from the few cases where an empire quickly unravelled – such as the Aztec and Incan – it is conspicuously missing in most coverage. That is because colonization perversely boosted economic growth and urbanization, even while it ate away the culture, simplified the economy, and murdered millions. Colonization wasn’t just a matter of collapse and genocide; it also marked the global triumph of Goliath.“


    Vanessa Machado de Oliveira: Outgrowing Modernity (2025)

    Navigating Complexity, Complicity, and Collapse with Accountability and Compassion

    S. 40: „[It] is not a matter of belief or hope but a matter of faith – which, in this context, is trust in what is unknowable. Thus, we have been taught to trust in the possibility (however tiny it might be) that humanity can (at some level or dimension) heal from the dis-ease of separation. We have also been advised to be fiercely gentle and infinitely patient and to develop a strong sense of humor (especially for laughing at ourselves) because the journey of healing will invariably involve the medicines of shadows, sorrows, contradictions, and the absurd.“


    Luise Meier: Hyphen (Roman, 2024)

    S. 9, Bericht der Protokollant*innen: „Der Großteil unserer Nachbar*innen beschreibt sich trotz aller Entbehrungen und traumatischen Erfahrungen, besonders in den ersten Monaten und Jahren, heute als zufriedener als vor 2025. Dafür gibt es verschiedene Gründe, der am häufigsten angegebene ist allerdings die enge Kooperation in der Gemeinschaft und die ganz eindeutig damit verbundene Zunahme von Selbstwirksamkeit oder »Sinn« sowie die Abnahme von Erfahrungen der Konkurrenz und Isolation.“


    Tadzio Müller: Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps (2024)

    Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben

    S. 242: „Die zentrale Zukunftsfrage ist dementsprechend nicht mehr „Können wir den Klimakollaps noch verhindern?“, since we can’t. Aber wir können noch dafür sorgen, dass die Netzwerke, die sich bilden werden, um alltägliche Notwendigkeiten zu organisieren, nach solidarischen Prinzipien organisiert sind, anstatt nach, sagen wir mal, national-patriotischen. Weil Nazis immer scheiße sind. Auch und vor allem im Kollaps.“


    Kim Stanley Robinson: The Ministry for the Future (Roman, 2020; auf deutsch 2021)

    S. 7: „Following the great Indian heat wave, the emergency meeting of the Paris Agreement signatories was fraught indeed. The Indian delegation arrived in force, and their leader Chandra Mukajee was excoriating in her denunciation of the international community and its almost complete failure to adhere to the terms of the agreement that every nation on Earth had signed. Reductions in emissions ignored, payment into investment funds that were to be spent on decarbonization not paid—in every way the Agreement had been ignored and abrogated. A performance without substance, a joke, a lie. And now India had paid the price. More people had died in this heat wave than in the entirety of the First World War, and all in a single week and in a single region of the world.“


    Pablo Servigne, Raphael Stevens: Wie alles zusammenbrechen kann (2015 im Original, auf deutsch 2022)

    Handbuch der Kollapsologie

    S. 38: „Zwischen uns und nahen Freund*innen, die ihre Vorstellungswelt vom Weitermachen und linearen Fortschritt beibehalten und unter allen Umständen verteidigen wollten, tat sich ein Abgrund auf.

    Im Laufe der Jahre entfernten wir uns deutlich von dieser festgelegten Doktrin, nach welcher die öffentliche Meinung aus den weltpolitischen Nachrichten einen Sinn destillieren will. Machen Sie selbst die Probe: Hören Sie nun selbst die Sie erreichenden Informationen aus der Perspektive des Zusammenbruchs, und Sie werden sehen, das hat nichts mehr mit dem zu tun, was Sie bisher kannten! Es ist nun mehr denn je zu einem fremdartigen Gefühl geworden, dieser Welt anzugehören, aber gleichzeitig von dem vorherrschenden Bild getrennt zu sein, das sich die anderen noch immer von ihr machen.


  • Gesundheit im Kollaps

    Gesundheit im Kollaps

    eigener Beitrag für sofvo#1, im September 2026; herausgegeben von ruineüberleben e.V.; mehr: ruinehq.org

    PROLOG

    Und, wie geht es dir so?
    Hast du immer noch diese Kopfschmerzen?
    Kannst du schlafen?

    Du hast doch vor Monaten schon versucht, einen Arzttermin zu bekommen / Gut, dass die KI deinen Job noch nicht macht / Bist du von den Abschiebeandrohungen betroffen? / Hast du Angst? / Wie lange macht dein Körper das noch mit, diese unterbesetzten Schichten auf Station? / Haben die Hass-Kommentare endlich aufgehört? / Ich kann dir bei diesen technischen Problemen leider nicht helfen / Wie viel Geld fehlt dir denn diesen Monat / Guckst du noch Nachrichten / Hältst du das aus / Was sagst du deinen Kindern wenn sie dich fragen was du tun würdest wenn sowieso alles den Bach runtergeht

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    Gesundheit
    am Ende der Welt wie wir sie kennen

    Wenn zehn erwachsene Menschen in Deutschland zusammenstehen, haben vier von ihnen im Laufe des Jahres irgendwo ambulant eine psychische Störung diagnostiziert bekommen. Wenn zehn junge Frauen zusammenstehen, weisen fünf von ihnen eine „depressive oder Angstsymptomatik“ auf.1 Wenn irgendwo auf der Welt eine Gruppe junger und eine Gruppe mittelalter Menschen zusammentrifft, ist nicht mehr die ältere Gruppe im mentalen Tief, in der lange statistisch gefundenen „Midlife Crisis“, es sind jetzt die Jungen, die am stärksten mental belastet sind. 2

    Was in all den Studien und Befragungen – auch wenn es um Angst, Verzweiflung, Depressionen geht – vermutlich nicht gefragt wurde, ist: Gehst du davon aus, dass die Welt wie wir sie kennen, in deiner Lebensspanne zusammenbricht?

    Dabei ist das Zusammenbrechen ja schon da, wenn auch meistens noch woanders, und es braucht große mentale Anstrengung, es nicht zu sehen und nicht Parallelen zur eigenen, möglichen Zukunft im Kopf zu haben.

    Was etwa Krieg mit Menschen macht, kommt uns um so näher, je leichter wir uns in diese Menschen hineinversetzen können, etwa weil sie ähnliche Leben führen oder geführt haben und uns geographisch nahe sind wie etwa Menschen in Kiew:

    Frauen, die ihre Nächte jetzt damit verbringen, die Luftalarm-App im Blick zu behalten, die Kinder zu beruhigen, mit denen sie im Flur liegen, möglichst weit entfernt von Fenstern. Die manchmal mehrmals in der Nacht mit den Kindern in Bunker oder Metrostationen laufen – und am nächsten Morgen völlig übermüdet ihre völlig übermüdeten Kinder zur Schule bringen und zur Arbeit gehen. Jede Nacht, jeden Tag, Todesangst, Sorge, dauernde, totale Erschöpfung – und irgendwie Alltag. Manche, wenn Kaffee und Medikamente nicht mehr helfen, ignorieren Luftangriffe und Lebensgefahr und entscheiden sich: für Schlaf.

    Achtzehnjährige in Deutschland, die gerade Post von der Bundeswehr bekommen haben und darauf antworten müssen, fühlen in dem Moment vielleicht eine Nähe zu jungen Ukrainern, die „an der Front“ Übermüdung, Angst vor schweren Verletzungen, vor Gefangennahme und Tod erleben, statt wie gerade noch in einem IT-Startup oder einer Tischlerei zu arbeiten.

    Nur etwas weiter weg ist das gleichzeitige Zusammenbrechen von fast allem, was wir „normal“ finden, für Millionen Menschen seit fast drei Jahren Realität. „Normal“ im Sinne von essen, trinken, schlafen können; sich frei bewegen können, ein Dach überm Kopf haben, nicht frieren, nicht durchnässt sein müssen; medizinisch versorgt sein, sich waschen können; lernen oder arbeiten, für Kinder sorgen können; nicht vertrieben, nicht verschüttet, nicht gezielt beschossen, nicht verschleppt, nicht gefoltert werden; ein Recht auf Rechte haben. Dieses Zusammenbrechen ist wie der Krieg in der Ukraine keine Folge einer „Naturkatastrophe“, es kann in Echtzeit überall auf der Welt verfolgt werden und es dauert trotzdem an. Zwischen 70 und 90 Prozent der überlebenden Kinder im Gazastreifen erfüllen die Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung oder weisen „deutliche Symptome von Depressionen und Angstzuständen auf“. 3

    Zeug*innen zu sein all des Leids, der Ohnmacht, des Zusammenbrechens von Menschenwürde und zivilisatorischen Standards (an deren Existenz Menschen mit privilegierter Perspektive zumindest lange glauben konnten), verändert auch uns – oder zumindest viele von uns – in irgendeiner Weise.

    Es gibt etwas gemeinsames zwischen mentaler Gesundheit in einer für viele noch halbwegs intakten Gesellschaft und jener im Zusammenbruch, wie er gerade an anderen Orten stattfindet. Diese Gemeinsamkeit enthält auch eine Botschaft für die nahe Zukunft, in der wir uns mit massiven Zusammenbrüchen konfrontiert sehen werden und mit der Frage: Was passiert dann mit uns, unserer Gesundheit und der Gesundheitsversorgung? Und was können wir JETZT tun?

    Das Gemeinsame ist der Begriff der Salutogenese einerseits und ein entsprechender Hinweis in der oben zitierten Untersuchung zur PTBS bei den Kindern in Gaza auf der anderen Seite. Der Ansatz der Salutogenese ist, nicht zu fragen „Was macht dich krank“?, sondern „Was macht dich und was hält dich gesund?“, und die Antwort heißt, sehr kurz gefasst: mich als stimmig in einer verstehbaren Welt zu empfinden, mich als handlungsfähig zu erleben und einen Sinn, eine Bedeutung in den Herausforderungen meines Lebens zu sehen. Die Autor*innen der Gaza-Studie schreiben in Abgrenzung zu all dem furchtbaren, traumatischen Erleben für die Kinder: Die in familiärem Zusammenhalt, im Glauben, in Bildung und Sumud (Standhaftigkeit) verwurzelte Resilienz ist ein wichtiger Faktor, der Kinder schützt.

    Gesundheit
    wenn wir unsere Welt nicht mehr kennen

    Verstärkt durch Klimaveränderungen und Massenartensterben, die im Hintergrund weiter eskalieren, können Lieferkettenzusammenbrüche, massive Stromausfälle, Handelskriege, Extremwetter-Katastrophen, militärische Angriffe, faschistische „Remigration“, ansteckende Krankheiten, der Abbau des Sozialstaats unsere Gesundheit jederzeit treffen; plötzlich, schleichend, in Kaskaden. Ein paar Szenarien:

    Es gibt kein Insulin mehr. Tausende Menschen sterben über Nacht in überhitzten Wohnungen, Altenheimen, Krankenhäusern. Herzmedikamente sind aus. Wer eine*n Ärztin braucht, kennt eine persönlich, ist privatversichert oder stellt sich frühmorgens in die lange Schlange vor der Praxis. Es gibt tagelang kein Wasser. Antibiotika werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Trans* Menschen wird der Zugang zu Hormonen verboten. Schmerzmittel fehlen. OP-Säle sind nur schwer in ausreichender Anzahl einsatzfähig zu halten, Triage ist Standard. Auf Abtreibung stehen hohe Strafen – für Schwangere und Ärzt*innen. Die Kommunikation ist ausgefallen, auch innerhalb des Rettungswesens.

    Was zwischen den Zeilen durchscheint, ist: Chaos. Geschrei, Geschubse, das Recht der Stärkeren, der Tod der Schwächeren.

    Vielleicht wird es aber auch anders.

    Vielleicht haben chronisch Kranke in ihren Gemeinden zusammen eigene Register angelegt, überregional gemeinsame Bevorratungspläne für lebenswichtige Medikamente entwickelt und mögliche neue Wirkstoffalternativen im Blick. Vielleicht sind alte oder anders gefährdete Menschen in enge nachbarschaftliche Kontexte eingebunden, so dass sie nicht allein in zu heißen Wohnungen bleiben und versorgt sind, auch mit Wasser, das für alle bevorratet ist oder mit Filtern trinkbar gemacht wird. Vielleicht haben Trans* Menschen ein starkes Netzwerk mit guten DIY-Skills, um selbst Hormone herzustellen, und eine solidarische Community, die sie vor Benachteiligung schützt. Und vielleicht haben sich nichtmigrantisch und migrantisch gelesene Menschen in kleinen familiären Gruppen ineinander verwoben und in großen übergreifenden starken Netzen verbunden, und schützen sich so vor rassistischen und anderen Angriffen. Vielleicht geben sich die Menschen in all diesen Gruppen Halt und unterstützen sich in individuellen Krisen und beim gemeinsamen Klarkommen mit allem.

    Vielleicht haben Krankenhäuser, Ärzt*innenverbände und das Rettungswesen rechtzeitig eine große Kollaps-Offensive gestartet, um Beschäftigte und Strukturen vorzubereiten: etwa mit der Rückbesinnung auch auf alte Diagnosemethoden, die mit wenig oder keiner Technik auskommen. – Okay nein, dieser Gedanke ist absolut unrealistisch, das denken wir neu:

    Vielleicht ist ein altes Handbuch wie „Where there ist no Doctor4“ ein Klassiker geworden, medizinisches Laien-Wissen hat sich verbreitet und wird in Nachbarschaften und Freund*innenkreisen mithilfe von medizinisch versierten Beteiligten besprochen und praktisch vertieft; vielleicht ergänzt um das Wissen anderer über die Wirkung von heimischen Heilpfanzen.

    Vielleicht haben vorausschauende Mediziner*innen in ihren Institutionen Gruppen initiiert, in denen Diagnostik und Behandlung ohne bildgebende Verfahren oder HighTech-Unterstützung geübt und Wissen geteilt wird, so dass es abrufbar ist. Oder sie haben eigene niederschwellige Angebote aufgebaut: Polikliniken, in denen sie Menschen medizinisch übergreifend und stadtteilzentriert behandeln, auch wenn diese keine Krankenversicherung haben.

    „Kollaps“ ist ein massiver Eingriff in Leben und Gesundheit. Er wird Leid verursachen und Lebenserwartungen verkürzen. Das zu leugnen wäre naiv. Und auch die Auseinandersetzung damit bedeutet trauern, wüten, hadern, Abschied nehmen.

    Aber im Sinne von Salutogenese ist es gesund, Zusammenbrüche nicht zu verdrängen, sondern sich gemeinsam damit zu beschäftigen und darauf vorzubereiten. Denn selbst wenn ich nicht vorhersehen kann, was genau passieren wird, werden wir gemeinsam handlungsfähig(er), und es wird möglich, einen Sinn in den Herausforderungen eines Lebens am Ende der Welt wie wir sie kennen zu sehen. Oder mit der Perspektive aus Gaza: Eine in Zusammenhalt, Vertrauen und Standhaftigkeit verwurzelte Resilienz kann für uns und andere zu einem Schutzfaktor werden.

    EPILOG

    Hast du immer noch diese Kopfschmerzen?
    Kannst du schlafen?

    Komm doch morgen vorbei, wir kochen und essen zusammen. Wir halten zusammen aus, worauf wir zusteuern. Dann planen wir, was wir jetzt tun.


    1 Ergebnisse des Robert Koch Instituts mit Daten aus 2024 – hier jeweils verlinkt: https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Psychische-Gesundheit/Psychische-Gesundheit-und-Stoerungen/psychische-gesundheit-und-psychische-stoerungen-node.html

    2https://www.interdependence.org/the-global-loss-of-the-u-shaped-curve-of-happiness/

    3https://link.springer.com/article/10.1007/s11920-026-01670-8

    4https://languages.hesperian.org/pages/de/index.html#tabs-downloads

  • Derealisation oder: schneller inkompatibel werden

    Derealisation oder: schneller inkompatibel werden

    Dieser Text entsteht im Mai 2024. Die Ausgangsfrage ist einfach, eigentlich: Wie geht’s denn so, JETZT, als Aktivistin in Hannover, zuletzt in der Leinemasch, in der dann trotzdem gerodet wurde. Aber nichts ist einfach, nichts ist einfach zu vermitteln. Aber es gibt einen Start:

    Es ist der 6. Mai 2024. Ich bin vormittags mit einem Menschen in der Leinemasch verabredet. Wir haben hier, wie so viele andere, ungesund viel Energie und Zeit im Kampf gegen das irre Weiter-so gelassen. Im Januar wurde trotzdem für die Verbreiterung des Südschnellwegs gerodet, gerade entsteht eine Baueinrichtungsfläche. Arbeiter*innen kampfmittelsondieren den für Tümpeltown namensgebenden Teich und pumpen ihn offenbar leer.

    Wir sitzen im Baueinrichtungs-Naherholungsgebiet. Es blüht, es riecht nach Frühling. Der Mensch sagt einen Satz: Wir sind inkompatibel. Er meint nicht uns, sondern uns in der Welt.

    Zu Hause, anschließend, kämpft mein Kind mit der Entscheidung, nach dem Sommer eigene Wege zu gehen oder die Oberstufe „durchzuziehen“, weil sich dann nach drei Jahren alle Zukunftsoptionen vor den Abiturient*innen erstrecken. Letzteres: ein mächtiges, ungebrochenes Schulnarrativ. Das Narrativ einer Welt, in der trotz allem alles irgendwie so weitergeht.

    Später auf dem Weg zur Stadtbahn fühlt sich alles eine Spur verrutscht an. Als wäre die vertraute Straße heute Kulisse, irgendwie anders beleuchtet, alle Bewegungen etwas verlangsamt, entkoppelt. Das ist nicht schlimm oder übermäßig beängstigend. Die Welt zerfällt einfach in Kulisse und mich.

    Es gibt dafür sogar einen Fachbegriff: „Derealisation“1. Was für ein Wort. Jenseits von Diagnosekatalogen transportiert es ein Grundgefühl: diesen Zustand, wie festgefroren einfach dazustehen und zu beobachten, wie das, was wir2 the world as we know it, was wir „Zivilisation“ oder „Zukunft“ nennen, in Zeitlupe von der Weiche springt, während wir auf eine „Sommermärchen-EM“ hoffen, während Billie Eilishs neues Album ungeduldig erwartet wird und während um Notendurchschnitte gerungen wird.

    Dieses Gefühl war noch nie so überwältigend wie jetzt – aber wirklich neu ist es nicht. In meiner Erinnerung sind da diese Bilder aus Großbritannien, die ab Ende der 1980er Jahre die „mad cow disease“ (BSE) in die Tagesschau spülte, verrenkte Kühe wie von Sinnen, gigantische Rinder-Scheiterhaufen. Wirklich de-real dann das Danach: Zu verstehen und die Logik vor Augen zu haben, wie „Fleisch produzieren“ geht und deshalb aufzuhören Tiere zu essen, aber der Normalität gehäckselter rosa Tierhaufen als günstiges „Angebot“ nicht mal in Zeitungsbeilagen entkommen zu können.

    Auch damals schon: Sprachlosigkeit. Weil es unmöglich ist, sich ernsthaft zu erklären, weil das bedeuten würde, Familie, Freund*innen, Fremde immer wieder beim Essen mit dem unerträglichen Grauen und Leid und auch ihrer Mittäter*inschaft zu konfrontieren. Und ungewollt steht da immer was mit Moral im Raum: „ich gut, du schlecht“. Auch in eigener Sache ist es unerträglich, sich bei jeder Frikadelle und jeder Scheibe Wurst auf anderer Menschen Teller selbst wieder bewusst zu machen, für welche Geschichte dieses Essen wirklich steht, angefangen beim gequälten Tier im verdreckten Stall und den Arbeitsbedingungen im Schlachthof bis hin zu all den Markt- und Lobby-Verstrickungen.

    Das war Derealisation und Sprachlosigkeit Anfang der 1990er. Status: etwas mehr als 350 ppm – 350 CO2-Moleküle pro eine Million Moleküle in der Atmosphäre ist ein sicherer Wert. Es wäre so vieles noch möglich gewesen.

    Ist das etwa ein Appell, vegan zu werden? Nein, oder? Oder doch? Was hat das mit dem Thema zu tun?

    Derealisation Mai 2024, 426 ppm3, weiter steigend, ein Desaster. Zusehen, wie die 1,5 Grad erreicht sind, wie die world as we know it von der Weiche springt, während das „Standard-Essen“ in der Schulmensa, im Altenheim, im Krankenhaus immer noch das Essen mit Fleisch ist; während Rodungen, Flächenverbrauch, Artensterben, Treibhausgase, Antibiotikaresistenzen, Wasserverbrauch, Grundwasserprobleme4 wegen einer ungesunden Ernährungsform massiv dazu beitragen, planetare Grenzen5 zu überschreiten. Und während ein Mensch am Tisch spöttisch fragt: „Und macht das jetzt irgendeinen Unterschied, ob du das hier isst oder nicht?“

    Es wäre so unglaublich einfach gewesen, diesen Anteil an der Katastrophe – nicht-pflanzliche Ernährung – zu transformieren. Anders als bei Energie, Verkehr oder Industrie hätte es keine neue Infrastruktur gebraucht. Wir hätten einfach aufhören können.

    Müsste hier denn nicht irgendwo auch stehen, dass sich total viel schon verbessert hat? Wie viel tolle vegane Döner es mittlerweile gibt? Ja? Nein?

    Worum geht es denn jetzt eigentlich? Um Fleisch!? Oder um die Klimaziele? Um die Ideen vermummter Aktivist*innen in Baumhäusern, um die gerodeten Bäume, um das Naherholungsgebiet, um zu viel Verkehr?

    Es geht um alles. Um das Unvereinbare, das Unsagbare. Menschen tauschen Worte aus, ohne zu verstehen, dass diese Worte Bedeutungen haben, die zu unterschiedlichen Universen gehören. Schon eine „Bratwurst“ – für den einen nur lecker, für die andere ein Schmerz auf unendlich vielen Ebenen.

    Worum es jetzt geht, ist so groß, so unerträglich, dass ich immer wiede stille Momente und auch die Fakten vor mir brauche, um wirklich bei dem anzukommen, was ich weiß. Welcher Satz kann das transportieren? Das Unausweichliche, die Schuld denen gegenüber, die durch Hitze sterben, auf der Flucht ertrinken, verhungern, flüchten, Todesangst haben. Die Wut denen genüber, die bis zuletzt ihre Geschäfte machen.6 Die Trauer um alles, was mal lebendig und was gewesen sein wird.

    Sie fühle sich „hopeless and broken“, hat Ruth Cerezo-Mota aus Mexiko gesagt, der Guardian hat sie am 8. Mai in einer langen Geschichte zitiert, sie ist eine von 380 befragten Top-Klimawissenschaftler*innen aus aller Welt.7

    Danebenstehen und das Klima erforschen, ein Leben lang; modellieren, wie die world as we know it von der Weiche springt, in jedem IPCC Bericht Tausende Seiten Analyse, Lösungen, Appelle schreiben, dazu ein Summary for Policymakers8, das Policymakers nicht lesen. Policymakers planen stattdessen neue LNG Terminals, sichern sich dafür in der Welt Fracking Gas, das in Deutschland verboten ist, und bauen beheizte Rohöl-Pipelines quer durch Afrika.9 Weil sie nicht rauskommen aus der Zerstörungsmaschine. Hopeless and broken. Derealisiert.

    Hoffnungslos. Das Klima, das Wetter, das Leben auf der Erde wird bis auf weiteres jedes Jahr noch schlimmer werden, mindestens so lange, bis keine weiteren Treibhausgase mehr in die Atmosphäre gehen.10 Also frühestens wenn keine – also keine – fossile Verbrennung mehr stattfindet und zusätzlich etwa Moore vernässt und sehr viel weniger Tiere gegessen werden11, könnte es auf dem dann erreichten Niveau von „katastrophal“ bleiben – sofern bis dahin noch nichts gekippt ist. Also womöglich in einigen Jahrzehnten. Ist das realistisch?

    Weidel (AfD) kämpft für Schnitzel, Merz (CDU) kämpft für deutsche Verbrenner, Lindner und Wissing (FDP) kämpfen für das Recht auf Gasheizung und tempolimitfreie Fahrt auf neuen Autobahnen. Gemeinsam kämpfen sie angeblich für das Recht des kleinen (deutschen) Mannes, dass alles so bleibt wie immer. Vereint im neokolonialen Anti-Klimaschutz-Anti-Zukunft-Märchenerzählen-Populismus.

    Und in Niedersachsen kämpft Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) nach dem Süd- jetzt auch am Westschnellweg weiter für die Tradition, Straßen für mehr Verkehr breiter zu planen. Der Verkehr, findet er, ist nun mal da. Er glaubt, dass die Klimaziele (Niedersachsen klimaneutral ab 2040) allein mit E-Mobilität erreicht werden können. Was sind schon Fakten. 12

    Der populistische Weg ist verlockend, auch bei der Schuldfrage. Wenn alles – siehe oben – immer schlimmer wird, liegt es dann eben an Migrant*innen und sogenannten Bügergeldschmarotzer*innen und dem ganzen linksgrünwoken Protest-Siff, die alle zusammen abgeschoben, gemaßregelt und kriminalisiert werden müssen. Damit alles so weitergehen kann mit Lobby-Verstrickungen, Superreichen und einem alles verschlingenden Kapitalismus, der unverdrossen mit Wachstums-Rufen angefeuert wird.

    Ich stehe da und verstehe, dass die 1,5 Grad durch sind; der Juni kommt, aber ich werde nie wieder mit ungetrübter Erwartung auf Sommer, Ferien, laue Abende, Tage am See blicken. Sondern mit Sorge und Unruhe. Bringt er noch mehr Hitze? Mehr Brände? Mehr Fluten? Tausende Tote oder Millionen Tote? Werden die Nächte auch in Hannover viel zu heiß? Ich sehe, dass Menschen in Indien und Pakistan nie dagewesene Hitze erleiden13, was viele Medien gar nicht mehr auf die Agenda nehmen, weil sich alles in der Aufmerksamkeits-Ökonomie abnutzt: auch immer neue Temperaturrekorde, auch immer mehr Menschen, die tödlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Ich sehe Skandale der „Klimaschmutzlobby“, die nicht zum Skandal werden, weil es dafür keinen öffentlichen Raum mehr gibt, weil wir alle vom Algorithmus maßgeschneidert bespielt werden und auch längst keine Kriegs- und Krisen-Kapazitäten mehr haben. Empathie ist aus.

    Die Welt wie wir sie kannten ist von der Weiche gesprungen.

    Jetzt ist da nur noch eine Welt, die als Lebensort für Menschen stirbt.

    ***

    Noch stehen die alten Kulissen. Von Rentenbescheid bis Autobahnbau, von Bärchenwurst bis Wirtschaftswachstum-Wahlslogan, von Karriereplan bis Einkaufszettel.

    Nur eine Idee: Derealisation für alle. Mehr Mut, inkompatibel mit der Show zu werden, in der weiter die Bilder einer Welt wie wir sie kannten laufen; stattdessen so lange auf die Bühne zu starren, bis die Kulissen flirren und verschwinden. Noch mehr Mut, um die Welt, die stirbt, sehen und aushalten zu können – und Abschied zu nehmen. Mut und Phantasie, um herauszufinden, was jetzt zu tun ist, für jede*n einzelne*n, um das Sterben so gut es geht zu gestalten, solidarisch und gerecht.

    Wenn wir viele sind, hören wir auf, inkompatibel und sprachlos in der Welt zu sein. Wenn wir viele sind, könnten wir mit dem Weiter-so der Horror-„Normalität“ brechen und eine eigene Geschichte erzählen, die gehört wird – und sie nicht den Populisten und Faschisten überlassen.

    Nein, das ist kein Happy End, Happy End ist jetzt nicht mehr im Angebot.


    Was von 2021 bis 2024 in der Leinemasch los war, erzählt und zeigt unser Buch „Leinemasch BLEIBT. Eine Geschichte vom Weiter-so, vom Widerstand und von zwei Kilometern Bundesstraße in Hannover“ im oekom Verlag 2024; auch open access.


    Quellen und Erläuterungen

    1ACHTUNG: Die Analogien in diesem Text zitieren aus der verlinkten Beschreibung zur „Derealisation“, beziehen sich aber explizit nicht auf reale Erkrankungen oder medizinische Diagnostik! Bitte holt euch ärztlichen Rat, wenn ihr den Eindruck bekommt, dass ihr von dieser Diagnose im medizinischen Sinne betroffen seid.

    2Mit „wir“ fasse ich hier Menschen in Deutschland zusammen, die ausreichend privilegiert sind, um sich als Teil einer durch allgemeine Medien geschaffenen Öffentlichkeit verstehen zu können.

    3täglich aktualisierte Werte unter https://www.co2.earth/daily-co2

    4https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/fleisch/der-appetit-auf-fleisch-und-seine-folgen/

    5https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/planetare-grenzen

    6Millionenschwere Klimaschutzprojekte von Mineralölkonzernen in China existieren offenbar nur auf dem Papier:https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/unternehmen/shell-rosneft-omv-betrug-verdacht-klimaschutz-100.html

    7https://www.theguardian.com/environment/ng-interactive/2024/may/08/hopeless-and-broken-why-the-worlds-top-climate-scientists-are-in-despair

    8https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/summary-for-policymakers/

    9https://eacop.com/ und Kritik etwa von Amnesty https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/uganda-tansania-repression-protest-gegen-pipeline-oel-und-schlaege

    10Was passiert, wenn die CO₂-Emissionen aufhören? https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-erderwaermung-co2-netto-null-emissionen-forscher-berechnungen-1.6303583

    11Studie zu den Voraussetzungen und Möglichkeiten, in Deutschland bis 2045 klimaneutral zu werden https://ariadneprojekt.de/publikation/energiewende-auf-netto-null-passen-angebot-und-nachfrage-nach-co2-entnahme-aus-der-atmosphaere-zusammen/

    12„Die Klimaschutzziele lassen sich bei Weitem nicht allein durch einen Anstieg der Zulassung batterieelektrischer Fahrzeuge erreichen.“ (S. 19) https://www.fgsv-verlag.de/e-klima-2022 und https://fridaysforfuture.de/studie/schluesselergebnisse/

    13Extremhitze in Indien – 33 Wahlhelfer sterben an Hitzeschlag, https://www.t-online.de/klima/leben-umwelt/id_100418474/klimawandel-33-wahlhelfer-in-indien-sterben-an-hitzeschlag.html