Gesundheit im Kollaps

eigener Beitrag für sofvo#1, im September 2026; herausgegeben von ruineüberleben e.V.; mehr: ruinehq.org

PROLOG

Und, wie geht es dir so?
Hast du immer noch diese Kopfschmerzen?
Kannst du schlafen?

Du hast doch vor Monaten schon versucht, einen Arzttermin zu bekommen / Gut, dass die KI deinen Job noch nicht macht / Bist du von den Abschiebeandrohungen betroffen? / Hast du Angst? / Wie lange macht dein Körper das noch mit, diese unterbesetzten Schichten auf Station? / Haben die Hass-Kommentare endlich aufgehört? / Ich kann dir bei diesen technischen Problemen leider nicht helfen / Wie viel Geld fehlt dir denn diesen Monat / Guckst du noch Nachrichten / Hältst du das aus / Was sagst du deinen Kindern wenn sie dich fragen was du tun würdest wenn sowieso alles den Bach runtergeht

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Gesundheit
am Ende der Welt wie wir sie kennen

Wenn zehn erwachsene Menschen in Deutschland zusammenstehen, haben vier von ihnen im Laufe des Jahres irgendwo ambulant eine psychische Störung diagnostiziert bekommen. Wenn zehn junge Frauen zusammenstehen, weisen fünf von ihnen eine „depressive oder Angstsymptomatik“ auf.1 Wenn irgendwo auf der Welt eine Gruppe junger und eine Gruppe mittelalter Menschen zusammentrifft, ist nicht mehr die ältere Gruppe im mentalen Tief, in der lange statistisch gefundenen „Midlife Crisis“, es sind jetzt die Jungen, die am stärksten mental belastet sind. 2

Was in all den Studien und Befragungen – auch wenn es um Angst, Verzweiflung, Depressionen geht – vermutlich nicht gefragt wurde, ist: Gehst du davon aus, dass die Welt wie wir sie kennen, in deiner Lebensspanne zusammenbricht?

Dabei ist das Zusammenbrechen ja schon da, wenn auch meistens noch woanders, und es braucht große mentale Anstrengung, es nicht zu sehen und nicht Parallelen zur eigenen, möglichen Zukunft im Kopf zu haben.

Was etwa Krieg mit Menschen macht, kommt uns um so näher, je leichter wir uns in diese Menschen hineinversetzen können, etwa weil sie ähnliche Leben führen oder geführt haben und uns geographisch nahe sind wie etwa Menschen in Kiew:

Frauen, die ihre Nächte jetzt damit verbringen, die Luftalarm-App im Blick zu behalten, die Kinder zu beruhigen, mit denen sie im Flur liegen, möglichst weit entfernt von Fenstern. Die manchmal mehrmals in der Nacht mit den Kindern in Bunker oder Metrostationen laufen – und am nächsten Morgen völlig übermüdet ihre völlig übermüdeten Kinder zur Schule bringen und zur Arbeit gehen. Jede Nacht, jeden Tag, Todesangst, Sorge, dauernde, totale Erschöpfung – und irgendwie Alltag. Manche, wenn Kaffee und Medikamente nicht mehr helfen, ignorieren Luftangriffe und Lebensgefahr und entscheiden sich: für Schlaf.

Achtzehnjährige in Deutschland, die gerade Post von der Bundeswehr bekommen haben und darauf antworten müssen, fühlen in dem Moment vielleicht eine Nähe zu jungen Ukrainern, die „an der Front“ Übermüdung, Angst vor schweren Verletzungen, vor Gefangennahme und Tod erleben, statt wie gerade noch in einem IT-Startup oder einer Tischlerei zu arbeiten.

Nur etwas weiter weg ist das gleichzeitige Zusammenbrechen von fast allem, was wir „normal“ finden, für Millionen Menschen seit fast drei Jahren Realität. „Normal“ im Sinne von essen, trinken, schlafen können; sich frei bewegen können, ein Dach überm Kopf haben, nicht frieren, nicht durchnässt sein müssen; medizinisch versorgt sein, sich waschen können; lernen oder arbeiten, für Kinder sorgen können; nicht vertrieben, nicht verschüttet, nicht gezielt beschossen, nicht verschleppt, nicht gefoltert werden; ein Recht auf Rechte haben. Dieses Zusammenbrechen ist wie der Krieg in der Ukraine keine Folge einer „Naturkatastrophe“, es kann in Echtzeit überall auf der Welt verfolgt werden und es dauert trotzdem an. Zwischen 70 und 90 Prozent der überlebenden Kinder im Gazastreifen erfüllen die Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung oder weisen „deutliche Symptome von Depressionen und Angstzuständen auf“. 3

Zeug*innen zu sein all des Leids, der Ohnmacht, des Zusammenbrechens von Menschenwürde und zivilisatorischen Standards (an deren Existenz Menschen mit privilegierter Perspektive zumindest lange glauben konnten), verändert auch uns – oder zumindest viele von uns – in irgendeiner Weise.

Es gibt etwas gemeinsames zwischen mentaler Gesundheit in einer für viele noch halbwegs intakten Gesellschaft und jener im Zusammenbruch, wie er gerade an anderen Orten stattfindet. Diese Gemeinsamkeit enthält auch eine Botschaft für die nahe Zukunft, in der wir uns mit massiven Zusammenbrüchen konfrontiert sehen werden und mit der Frage: Was passiert dann mit uns, unserer Gesundheit und der Gesundheitsversorgung? Und was können wir JETZT tun?

Das Gemeinsame ist der Begriff der Salutogenese einerseits und ein entsprechender Hinweis in der oben zitierten Untersuchung zur PTBS bei den Kindern in Gaza auf der anderen Seite. Der Ansatz der Salutogenese ist, nicht zu fragen „Was macht dich krank“?, sondern „Was macht dich und was hält dich gesund?“, und die Antwort heißt, sehr kurz gefasst: mich als stimmig in einer verstehbaren Welt zu empfinden, mich als handlungsfähig zu erleben und einen Sinn, eine Bedeutung in den Herausforderungen meines Lebens zu sehen. Die Autor*innen der Gaza-Studie schreiben in Abgrenzung zu all dem furchtbaren, traumatischen Erleben für die Kinder: Die in familiärem Zusammenhalt, im Glauben, in Bildung und Sumud (Standhaftigkeit) verwurzelte Resilienz ist ein wichtiger Faktor, der Kinder schützt.

Gesundheit
wenn wir unsere Welt nicht mehr kennen

Verstärkt durch Klimaveränderungen und Massenartensterben, die im Hintergrund weiter eskalieren, können Lieferkettenzusammenbrüche, massive Stromausfälle, Handelskriege, Extremwetter-Katastrophen, militärische Angriffe, faschistische „Remigration“, ansteckende Krankheiten, der Abbau des Sozialstaats unsere Gesundheit jederzeit treffen; plötzlich, schleichend, in Kaskaden. Ein paar Szenarien:

Es gibt kein Insulin mehr. Tausende Menschen sterben über Nacht in überhitzten Wohnungen, Altenheimen, Krankenhäusern. Herzmedikamente sind aus. Wer eine*n Ärztin braucht, kennt eine persönlich, ist privatversichert oder stellt sich frühmorgens in die lange Schlange vor der Praxis. Es gibt tagelang kein Wasser. Antibiotika werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Trans* Menschen wird der Zugang zu Hormonen verboten. Schmerzmittel fehlen. OP-Säle sind nur schwer in ausreichender Anzahl einsatzfähig zu halten, Triage ist Standard. Auf Abtreibung stehen hohe Strafen – für Schwangere und Ärzt*innen. Die Kommunikation ist ausgefallen, auch innerhalb des Rettungswesens.

Was zwischen den Zeilen durchscheint, ist: Chaos. Geschrei, Geschubse, das Recht der Stärkeren, der Tod der Schwächeren.

Vielleicht wird es aber auch anders.

Vielleicht haben chronisch Kranke in ihren Gemeinden zusammen eigene Register angelegt, überregional gemeinsame Bevorratungspläne für lebenswichtige Medikamente entwickelt und mögliche neue Wirkstoffalternativen im Blick. Vielleicht sind alte oder anders gefährdete Menschen in enge nachbarschaftliche Kontexte eingebunden, so dass sie nicht allein in zu heißen Wohnungen bleiben und versorgt sind, auch mit Wasser, das für alle bevorratet ist oder mit Filtern trinkbar gemacht wird. Vielleicht haben Trans* Menschen ein starkes Netzwerk mit guten DIY-Skills, um selbst Hormone herzustellen, und eine solidarische Community, die sie vor Benachteiligung schützt. Und vielleicht haben sich nichtmigrantisch und migrantisch gelesene Menschen in kleinen familiären Gruppen ineinander verwoben und in großen übergreifenden starken Netzen verbunden, und schützen sich so vor rassistischen und anderen Angriffen. Vielleicht geben sich die Menschen in all diesen Gruppen Halt und unterstützen sich in individuellen Krisen und beim gemeinsamen Klarkommen mit allem.

Vielleicht haben Krankenhäuser, Ärzt*innenverbände und das Rettungswesen rechtzeitig eine große Kollaps-Offensive gestartet, um Beschäftigte und Strukturen vorzubereiten: etwa mit der Rückbesinnung auch auf alte Diagnosemethoden, die mit wenig oder keiner Technik auskommen. – Okay nein, dieser Gedanke ist absolut unrealistisch, das denken wir neu:

Vielleicht ist ein altes Handbuch wie „Where there ist no Doctor4“ ein Klassiker geworden, medizinisches Laien-Wissen hat sich verbreitet und wird in Nachbarschaften und Freund*innenkreisen mithilfe von medizinisch versierten Beteiligten besprochen und praktisch vertieft; vielleicht ergänzt um das Wissen anderer über die Wirkung von heimischen Heilpfanzen.

Vielleicht haben vorausschauende Mediziner*innen in ihren Institutionen Gruppen initiiert, in denen Diagnostik und Behandlung ohne bildgebende Verfahren oder HighTech-Unterstützung geübt und Wissen geteilt wird, so dass es abrufbar ist. Oder sie haben eigene niederschwellige Angebote aufgebaut: Polikliniken, in denen sie Menschen medizinisch übergreifend und stadtteilzentriert behandeln, auch wenn diese keine Krankenversicherung haben.

„Kollaps“ ist ein massiver Eingriff in Leben und Gesundheit. Er wird Leid verursachen und Lebenserwartungen verkürzen. Das zu leugnen wäre naiv. Und auch die Auseinandersetzung damit bedeutet trauern, wüten, hadern, Abschied nehmen.

Aber im Sinne von Salutogenese ist es gesund, Zusammenbrüche nicht zu verdrängen, sondern sich gemeinsam damit zu beschäftigen und darauf vorzubereiten. Denn selbst wenn ich nicht vorhersehen kann, was genau passieren wird, werden wir gemeinsam handlungsfähig(er), und es wird möglich, einen Sinn in den Herausforderungen eines Lebens am Ende der Welt wie wir sie kennen zu sehen. Oder mit der Perspektive aus Gaza: Eine in Zusammenhalt, Vertrauen und Standhaftigkeit verwurzelte Resilienz kann für uns und andere zu einem Schutzfaktor werden.

EPILOG

Hast du immer noch diese Kopfschmerzen?
Kannst du schlafen?

Komm doch morgen vorbei, wir kochen und essen zusammen. Wir halten zusammen aus, worauf wir zusteuern. Dann planen wir, was wir jetzt tun.


1 Ergebnisse des Robert Koch Instituts mit Daten aus 2024 – hier jeweils verlinkt: https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Psychische-Gesundheit/Psychische-Gesundheit-und-Stoerungen/psychische-gesundheit-und-psychische-stoerungen-node.html

2https://www.interdependence.org/the-global-loss-of-the-u-shaped-curve-of-happiness/

3https://link.springer.com/article/10.1007/s11920-026-01670-8

4https://languages.hesperian.org/pages/de/index.html#tabs-downloads